Was bedeutet Territorium für indigene Gemeinschaften?
Für indigene Völker ist das Territorium ein heiliger Raum der Einheit und des Lebens. Es bildet die Grundlage ihres Ursprungs sowie die Basis ihres sozialen und spirituellen Lebens – ohne es ist das Fortbestehen des Volkes selbst nicht möglich.
Für die im Schutzgebiet Bajo Río Guainía und Río Negro lebenden ethnischen Gruppen Curripaco und Yeral ist jede Gemeinschaft untrennbar mit einem Gebiet verbunden, das ihnen von schützenden Ahnenwesen übergeben wurde. In diesem Territorium herrscht ein natürliches und kulturelles Gleichgewicht, das respektiert und wiederhergestellt werden muss, wenn es durch menschliches Handeln – sei es individuell oder kollektiv – gestört wird.
Die ethnischen Gruppen der Puinave und Curripaco, die im Schutzgebiet Cuenca Media y Alta del Río Inírida leben, betrachten das Territorium als:
„den Ort unserer Arbeit, es ist unser Lebensraum und der Ort, an dem unsere Verstorbenen begraben liegen; hier finden wir Heil- und Nahrungspflanzen, hier fischen, jagen und sammeln wir Wildfrüchte, die wir pepa nennen. Aus all diesen Gründen ist unser gesamtes Territorium heilig und muss im Gleichgewicht gehalten werden. Wir müssen es respektieren, denn es steht für das Leben und das Erbe unserer Vorfahren, die es mit ihrem Wissen und ihrem Leben für die kommenden Generationen bewahrt haben.
Das Schutzgebiet CMARI bewahrt dieses angestammte Land, denn es versorgt uns täglich mit allem Notwendigen und sichert die Zukunft unserer Kinder, Enkel und aller Nachkommen.“
In der Weltanschauung des Volkes der Ñamepaco, das an den Flüssen Isana und Surubí lebt, gilt:
„Das Territorium der Ñamepaco ist der Ort, an dem unser Volk geboren wurde und das uns seit Anbeginn gehört. Für uns ist das Territorium der Wald, die Flüsse, die Tiere, die heiligen Orte, die Steine, die Erde und alles, was in ihr ist – die Menschen selbst ebenso wie die spirituellen Wesen.“
Was legen nationale und internationale Richtlinien über indigene Territorien fest?
Aus nicht-indigener und staatlicher Sicht wird Land als ein unbewegliches Gut betrachtet, das angeeignet, besessen und beherrscht werden kann – als produktiver, ausschöpfbarer Faktor, der wirtschaftliche Ressourcen schafft und den Interessen sowie Bedürfnissen des Menschen dient. Seit der Verfassung von 1991, erkennt und schützt der kolumbianische Staat die ethnische und kulturelle Vielfalt (Artikel 7) und entwickelt innerhalb derselben Verfassung einen rechtlichen Rahmen zum Schutz der Territorialrechte indigener Völker:
Konsultationspflicht: Artikel 2, 40.2 und 330
Kollektives Eigentum: Artikel 63, 329, 286 und 330
Autonomie und Selbstverwaltung: Artikel 246, 286, 287, 329 und 330
Kulturelle, soziale und wirtschaftliche Integrität: Artikel 8, 10, 68, 80 und 330
So definiert die Gesetzgebung in Kolumbien das indigene Territorium nicht nur als individuelles, sondern insbesondere als kollektives Landeseigentum, das über das bloße Verständnis von Privateigentum hinausgeht:
“Die Gebiete, die regelmäßig und dauerhaft von einer Gemeinschaft, Gruppe oder einem indigenen Kollektiv bewohnt werden, sowie jene, die – auch wenn sie nicht in dieser Form besessen werden – den traditionellen Rahmen ihrer sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten bilden” (Dekret 1071 von 2015).
Ebenso wird das indigene Territorium verstanden als
“ Jeder Raum, der für ein indigenes Volk gegenwärtig unerlässlich ist, um Zugang zu den natürlichen Ressourcen zu haben, die seine materielle und spirituelle Reproduktion gemäß seinen eigenen Formen der produktiven und sozialen Organisation ermöglichen. Dieser Raum kann je nach Fall zusammenhängend oder aufgeteilt sein. ” (Sentencia 379 von 2014).
Auf internationaler Ebene ist besonders das Übereinkommen 169 der IAO, das gemäß Artikel 93 der kolumbianischen Verfassung und dem Gesetz 21 von 1991 in Kolumbien vollständig anwendbar ist. Daher legt dieses Übereinkommen fest, dass
„den Völkern das Recht auf Eigentum und Besitz an den von ihnen traditionell bewohnten Gebieten anerkannt werden muss. Darüber hinaus sind – wo angemessen – Maßnahmen zu ergreifen, um ihr Recht zu schützen, auch solche Gebiete zu nutzen, die sie nicht ausschließlich bewohnen, zu denen sie jedoch traditionell Zugang für ihre traditionellen und existenzsichernden Aktivitäten hatten (wie im Fall von nomadischen Völkern und Wanderfeldbauern). Ebenso heißt es, dass die Regierungen die erforderlichen Maßnahmen ergreifen müssen, um die Gebiete zu bestimmen, die von indigenen Völkern traditionell bewohnt werden, und um einen wirksamen Schutz ihrer Eigentums- und Besitzrechte zu gewährleisten.“ (Art. 13 bis 19).
Und die Erklärung der Generalversammlung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker, die sich der dringenden Notwendigkeit bewusst ist, die grundlegenden Rechte indigener Ethnien – insbesondere ihre Rechte an Land, Territorien und Ressourcen – zu achten und zu fördern, erklärt:
„Indigene Völker haben das kollektive Recht, als eigenständige Völker in Freiheit, Frieden und Sicherheit zu leben, und dürfen daher keinem Akt des Völkermords oder anderer Gewaltakte unterworfen werden, einschließlich der gewaltsamen Überführung von Kindern von einer Gruppe in eine andere” (Art. 7, Abs. 2).
Ebenso heißt es:
“Die Staaten müssen wirksame Mechanismen einrichten, um jede Handlung zu verhindern oder wiedergutzumachen, die darauf abzielt oder zur Folge hat, dass ihnen ihre Ländereien, Territorien oder Ressourcen entzogen werden, sowie jede Form erzwungener Umsiedlung, die auf Gewalt oder eine Verletzung ihrer Rechte hinausläuft” (Art. 8, Abs. 2).
In gleicher Weise,
“Keine Umsiedlung indigener Völker von ihrem Territorium darf ohne ihre freie, vorherige und informierte Zustimmung erfolgen, noch ohne eine im Voraus vereinbarte gerechte und angemessene Entschädigung und, wenn möglich, das Recht auf Rückkehr” (Art. 10).
Die Anerkennung und der Respekt gegenüber den Territorien und Rechten der indigenen Völker in Kolumbien sind das Ergebnis eines langen Prozesses der Anerkennung, des Widerstands, der Herausforderungen und Kämpfe um den Zugang zum Land, dessen Rückgewinnung und um die Achtung ihrer eigenen Lebensweisen.
Bei den Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung gab es für verschiedene indigene Ethnien einige Hürden. Zum Beispiel war es schwierig, die spanische Sprache, die Verfahren, Fristen und Zuständigkeiten zu verstehen. Das führte dazu, dass sich viele indigene Führungspersonen – häufig im Selbststudium – in anderen Wissensbereichen weiterbilden mussten, um die Struktur des Staates und seine politische Dynamik zu verstehen.
Was sind die Territorialrechte der indigenen Völker?
Nach Angaben der Nationalen Kommission für Indigene Territorien (CNTI) umfassen sie alle Rechte, die die besondere Beziehung zwischen indigenen Völkern und Ethnien und ihrem Territorium schützen – eine Beziehung, die auf ihrem natürlichen Gesetz oder eigenen Rechtssystem basiert und die grundlegende Grundlage ihres sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und spirituellen Lebens darstellt.
Diese Rechte verfolgen zwei Ziele: Sie schützen sowohl die jeweilige Weltanschauung und die eigenen Konzepte jedes Volkes, als auch verpflichten sie den Staat und Dritte dazu, den Schutz der Gemeinschaften zu respektieren und zu gewährleisten – durch rechtliche Sicherheit.
So festigen sich die Territorialrechte durch verschiedene Einzelrechte:
Recht auf kollektives Eigentum
Recht auf Autonomie und Selbstverwaltung des Territoriums
Konsultationsrecht (vorherige Anhörung) und Mitbestimmung
Schutz des Territoriums im Kontext bewaffneter Konflikte
Recht auf Nutzung und Zugang zu heiligen Stätten
Welche Maßnahmen führen zum wirksamen Schutz dieser Rechte?
Es gibt vier Hauptwege, um die Territorialrechte indigener Völker in Kolumbien wirksam zu schützen:
Verwaltungsweg: Dieser bezieht sich auf die Verfahren, die in gesetzlichen Regelungen wie Dekreten vorgesehen sind. Sie ermöglichen es indigenen Gemeinschaften, ihre Rechte geltend zu machen, indem sie formelle Anträge bei den zuständigen Behörden stellen.
Justizieller Weg: Durch juristische Verfahren vor Gericht, insbesondere wenn es zu Verletzungen von Rechten kommt, können gerichtliche Schutzmaßnahmen eingeleitet werden.
Kontrollinstitutionen: Zuständige Einrichtungen für den Schutz und die Verteidigung der Rechte indigener Völker sind unter anderem: Volksanwaltschaft, Generalstaatsanwaltschaft, Nationale Schutzbehörde, Einheit für Opfer, Verfassungsgericht
Instanzen des Dialogs und der Einigung: Diese betreffen hauptsächlich die Mitgestaltung öffentlicher Politiken in Bezug auf indigene Territorien. Beispiele dafür sind: Die Nationale Kommission für indigene Territorien, der Ständige Verhandlungstisch der indigenen Völker, die regionalen Dialogrunden.
Obwohl sich die indigenen Völker durch ihre Bereitschaft zur Teilnahme an Dialog- und Abstimmungsprozessen auszeichnen, verfolgen sie heute verschiedene Strategien zur Wahrung ihrer Rechte – darunter Mobilisierungen und „Mingas“, die auf unterschiedliche Weise auf nationaler Ebene durchgeführt werden.
Quellen:
Übereinkommen Nr. 169 der IAO über indigene und in Stämmen lebende Völker & Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker (2014). Verfügbar unter: https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/—americas/—ro-lima/documents/publication/wcms_345065.pdf
Nationale Kommission für indigene Territorien CNTI (2020). „Territorialrechte der indigenen Völker“. Verfügbar unter: https://www.cntindigena.org/cartilla-pedagogica-por-los-territorios-indigenas-de-colombia/
Pädagogische Broschüre „Territorialrechte“. Gemeinschaft der Jurist*innen Akubadaura (2023). Verfügbar unter: https://akubadaura.org/cartilla-derechos-territoriales-herramienta-pedagogica-para-todos-y-todas/
Lorena Martínez
Fachkraft für soziale Arbeit
Human Forest